Collage - Hochschule

Ausblicke von und für ehemalige StudentInnen

ABSOLVENTiNNEN PORTRAIT:

Thorben Schiel: „Ein krasser Prozess“

Ausbildung: Diplom-Kunsttherapeut
Abschluss: 2007
lebt in: Sottrum
arbeitet: in der Offenen Jugendarbeit, als Streetworker, in Projekten, als Koordinator eines Jugendtreffs


Wieso Ottersberg? Die Gründe, warum es Thorben Schiel in die grüne Wümme-Wieste-Niederung verschlug, kommen bestimmt vielen ehemaligen oder aktuellen StudentInnen bekannt vor. „Ich wusste, ich wollte was mit Kunst machen. Dann habe ich zufällig von Ottersberg gehört. Bekannte haben mir erklärt, was Kunsttherapie bedeutet. Da wusste ich: Das ist, was du machen willst!“

Heute ist Thorben Koordinator des Jugendtreffs Scheeßel. Sein Markenzeichen: die Spraydose. Noch immer. Die manchmal exzessive, aggressive Spraykunst war schon immer sein Ding. Der schüchterne Jugendliche (Jg.78) hatte schon in seiner Heimatstadt Wilhelmshaven entdeckt, dass Sprayen als Ventil für unterdrückte Gefühle taugt. Man konnte, ohne sich zeigen zu müssen, sichtbar werden. Wirkung erzeugen. Und schließlich auch Kontakt bekommen.

Doch Graffitis schienen ihm bei seiner Bewerbung nicht so recht tauglich für die Mappe. Er belegte in Hannover einen Mappenkurs. Und machte brav, was seiner Vorstellung nach in Ottersberg erwartet wurde: Pastell, Acryl, Kreide, möglichst realistisch. Und ein paar Blätter eher „Kreatives“ mit Pappe und Kollagen. Beim Aufnahmegespräch (2003) wurde schnell klar, dass ihn die letzten Bilder gerettet hatten. „Hätte ich die nicht gemacht, ich wäre hier fehl am Platze gewesen.“ Die erste Ottersberger Lektion.

Ottersberg empfing den neuen Studenten warm, sonnig, sehr grün und freundlich. Am Bahnhof nahm jemand den Neuankömmling auf dem Fahrrad mit. Und er verliebte sich sofort in den Ort, die Atmosphäre. „Ich habe mich total aufgehoben gefühlt. Meine Suche war zu Ende. Ich wusste endlich, was ich wollte.“ Nach einer mühevollen Jugend („ein krasser Prozess“) und biografischen Suchbewegungen über Zivildienst und verschiedene Studienversuche hatte er das Gefühl, angekommen zu sein.

Die zweite Ottersberger Lektion hatte etwas mit Anthroposophie zu tun. „Die spielte damals noch eine große Rolle an der FH,“ sagt Thorben. Er hatte mit Interesse auch schwierige Bücher von Steiner gelesen. Trotzdem konnte er sich unter „prozesshaftem, nicht zielorientiertem Gestalten“ kaum etwas vorstellen. Was Johannes Maurer mit „weg von der Kopfidee – hin zum Bildentstehungsprozess“ meinte oder Michael Kohr mit dem Malmittel, das dazustellen sei, statt einer Illusion hinterher zu gehen – davon bekam Thorben erst nach dem halben Studium einen Begriff.

Die Graffitis waren für einige Trimester aus seinem Leben verschwunden. Doch sie kamen wieder. Über „das Soziale“. Über Projekte mit Jugendlichen, in Bremen, in Ottersberg. Im Berufspraktikum dann gestaltete er zusammen mit Schülern in Wilhelmshaven mit Spraydosen einen Fahrradunterstand. So wurde er vom Sprüher zum Koordinator. Und beinahe bruchlos ging es nach dem Studium weiter mit Seminaren und Projekten im Landkreis, mit offener Jugendarbeit und Streetwork-Projekten.

„Ohne diese Schule wäre ich nicht so, wie ich heute bin,“ sagt der Vater einer dreijährigen Tochter. „Sie hat mir Lebenssicherheit gegeben. Hier habe ich gelernt, dass man Kreativität nicht nur für künstlerische Prozesse brauchen kann. Sondern auch für die Gestaltung des Lebens.“ Und das ist es auch, was er den Jugendlichen mit auf ihren Weg geben kann: Am Beispiel seines eigenen Lebenslaufes kann er zeigen, dass es vielleicht keinen straighten Weg gibt. Aber jeder kann was. „Und damit hat er etwas, das ihn an der Oberfläche hält.“





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