Ausblicke von und für ehemalige StudentInnen
ABSOLVENTiNNEN PORTRAIT:
Annika Niemann: „Doing Culture“
Ausbildung: Diplom-Kunsttherapeutin
Abschluss: 2002
lebt in: Berlin
arbeitet als: Kunstvermittlerin, Kuratorin, Künstlerin; Forschung und freie Tätigkeit in den Bereiche: transkulturelle Kunstvermittlung, Kunst im Unternehmen, Kunsttherapie

Die Fremde, das Fremde hat Annika Niemann immer schon interessiert. Nach dem Abitur 1995 ging sie mit 19 für ein Jahr nach Rio de Janeiro. Im Rahmen eines sozialen Praktikums arbeitete sie in Straßenkinderhäusern, Kitas und Gesundheitsposten. Nach Ottersberg kam die gebürtige Bielefelderin 1998, im Anschluss an ein Zwischenspiel an der FU Berlin (Lateinamerikanistik, Kunstgeschichte, Politologie). An der Fachhochschule Ottersberg studierte sie Kunsttherapie/Kunstpädagogik und fand ihr zweites großes Thema: Kreativität. In ihrer Diplomarbeit 2002 führte sie ihre Themen zusammen: „Heimat: Fremde – Über die kreative Dimension der Heimatlosigkeit“.
Wer in der Fremde war, findet sie später überall. Auch daheim. Annika Niemann besuchte während des Studiums noch einmal Brasilien für ein künstlerisches Projekt mit Straßenkindern und behinderten Erwachsenen, arbeitete aber auch beim mobilen Kunstatelier für Hamburger Flüchtlingskinder „Gastspiel Heimat“ mit. Nach dem Studium ging sie nach Berlin und entdeckte das Institut für Auslandsbeziehungen. In dessen ifa-Galerie Berlin werden Kunstszenen aller Kontinente präsentiert, die gerade nicht im Mittelpunkt des Interesses stehen.

Im Rahmen der ifa-Ausstellungen baute sie zusammen mit der Projektkoordinatorin Ev Fischer ein bis heute andauerndes transkulturelles Kunst-vermittlungprogramm für Kinder und Jugendliche auf. So waren zum Beispiel zu einer Ausstellung über indische Innenarchitektur Kinder ins Projekt „Traumraum“ eingeladen. Eine Ausstellung afrikanischer Fotografie begleitete das Projekt „Augen-Blicke – Ein Spiel mit Selbstbild, Fremdbild, Abbild“. Im April 2010 ging das Projekt „ein-Laden“ zu Ende, das im Zusammenhang mit einer Ausstellung zeitgenössischer vietnamesischer Kunst entstand. Jugendliche recherchierten unter den etwa 10.000 Berlinern vietnamesischer Herkunft, fotografierten, zeichneten, sammelten und inszenierten ihre Ergebnisse in dem kleinstmöglichen mobilen Ausstellungsraum: einem Bauchladen.
Aktuell arbeiten Annika Niemann und Ev Fischer in der ifa-Galerie an
einem Zukunftslabor für die Stadt: „Willkommen in Wolkenkuckucksheim“.
Es geht um utopische Entwürfe einer Stadt nach dem Öl. „Post Oil City“
heißt die dazugehörige Ausstellung der „Großen“. Die Kleinen ab sechs
Jahren konnten in kühnen Entwürfen die Freiheit der Kunst schon mal
schmecken.

Die Fremde – das sind auch hermetische Räume mitten in der Heimat. Etwa das Gefängnis. Ein für die Arbeit von Annika Niemann typisches Projekt war die Ausstellung „Knast sind immer die anderen“ (2009). Niemann ist Mitglied der Kuratorengruppe der NGKB (Neue Gesellschaft für Bildende Kunst). Das Knastprojekt interessierte sich für die Kontaktstellen zwischen „drinnen“ und „draußen“. Und für Menschen, die beide Perspektiven kennen, sich in beiden Welten auskennen oder bewegen – Künstler, Vollzugsbeamte, Ehemalige. IN der Ausstellung trafen Arbeiten von KünstlerInnen und Inhaftierten aufeinander.

Ausdruck dieser Perspektive war ein Gefangenentransporter, der während der finalen Ausstellung kleine Besuchergruppen ins Moabiter Gefängnis brachte. Im Rahmenprogramm gab es Diskussionsrunden zu Frage, was mit der Kunst im Kontext des Freiheitsentzugs passiert. Oder eine Podiumsdiskussion mit amerikanischen und norwegischen Kriminologen und Politikern: „Welche Legitimation hat das Gefängnis?“
Ihr jüngstes Projekt in der Reihe "connect" heißt "A Gentil Carioca. Ein
Kunstraum in Rio de Jainero." Es geht um einen wichtigen Kunstort in
Rio, der 2003 gegründet wurde. Annika Niemann hat die Ausstellung
brasilianischer Kunst kuratiert. Für Kinder ab 6 Jahren gibt es dazu ein
Kunstvermittlungsprogramm: "Raumschiff Kunst: Eine Reise in andere
Universen, Strenbilder und Welt(t)räume". Eröffnung in der ifa-Galerie
Berlin am 29.7.2010, 19 Uhr.
Neben der beruflichen Praxis forscht Annika Niemann zu Themen der transkulturellen Kunstvermittlung und kultureller Bildung. Ihrer Fachhochschule bleibt sie derweil verbunden. Sie arbeitet mit am FH-Institut für Kunsttherapie und Forschung. Ihre letzte Publikation, zusammen mit Peter Sinapius, Marion Wendlandt-Baumeister und Ralf Bolle (Hg.) erstellt, wurde 2010 gedruckt und heißt: „Bildtheorie und Bildpraxis in der Kunsttherapie.“