Forschungsverbund „Kunsttherapie in der Onkologie“ – Ein Projektbericht
Dr. med. Wolfram Henn
Forschung wird von manchen Kunsttherapeuten als Gegensatz zu den künstlerischen Therapien erlebt. Die Vorstellungen reichen von der Meinung, es seien unvereinbare Gegensätze bis zur Auffassung zweier Polaritäten, die in einem Spannungsverhältnis stehen und sich gegenseitig brauchen. Auf dem Wege der zunehmenden Differenzierung und Professionalisierung der Kunsttherapie ist kunsttherapeutische Forschung zur Entwicklungsnotwendigkeit geworden. So wurden in den letzten Jahren vermehrt Tagungen und Symposien veranstaltet sowie Arbeitskreise begründet, die sich explizit dem Thema Forschung in der Kunsttherapie widmeten und widmen.
Die unserem Beitrag zugrunde liegenden Erfahrungen könnten für diejenigen von Interesse sein, die mit ähnlichen Fragestellungen im Kontext der Kunsttherapie umgehen. Da unser Forschungsverbund kurz vor dem Abschluss steht, dokumentiert der Bericht den derzeitigen Stand.
Ganz im Sinne der oben skizzierten Veränderungen entstand 1998 an der Fachhochschule Ottersberg die Initiative, das Thema „Kunsttherapie in der Onkologie“ zum Forschungsgegenstand zu machen. Vier Jahre lang haben unter dem Dach eines Forschungsverbundes etwa 30 KunsttherapeutInnen, ÄrztInnen und WissenschaftlerInnen in insgesamt 9 Projektgruppen kooperiert.
Angeregt und koordiniert wurde dieser Forschungsverbund durch Wolfram Henn (Fachhochschule Otterberg). Die wissenschaftliche Beratung lag in der Hand von Peter Petersen (Forschungsinstitut für Künstlerische Therapien, Hannover). Die Symposien fanden einmal jährlich über drei Tage statt. Als Orte dienten die Fachhochschule Ottersberg, die Klinik für Tumorbiologie der Universität Freiburg sowie das Kloster Loccum.
Die Rahmenbedingung „interner“ Symposien machte es möglich, dass regelmäßig aus den einzelnen Projektgruppen berichtet werden konnte und genügend Raum für ausgiebige Disskussionen gegeben war, die den Referenten eine stärkere Reflexion der vorläufigen Ergebnisse und Anregungen im Hinblick auf die weitere Arbeit gewährten. Die Hauptenergie ging zunächst in die Durchführung der Projektideen, wobei je nach beruflichem Betätigungsfeld ganz unterschiedliche Hürden bei der Verwirklichung der Projekte überwunden werden mussten, so dass sich die Projekte teilweise einer Verwandlung unterziehen mussten.
Ab dem dritten Symposion gerieten vermehrt forschungsmethodologische Fragen in den Mittelpunkt, die durch teilweise kontroverse Diskussionen sehr angeregt wurden. Als Stichworte hierzu seien genannt: Qualitative Sozialforschung, quantitative Vorgehensweisen, Methodik der Einzelfallforschung, narrative Verfahren im Sinne einer künstlerischen Erzählung als Umsetzung eines kunsttherapeutischen Verlaufes in eine sprachkünstlerische Therapiegeschichte. Den Beteiligten des Projektverbundes erschien ein forschungsmethodischer Pluralismus die beste Voraussetzung für eine gedeihliche Entwicklung der kunsttherapeutischen Forschungslandschaft zu sein.
In diesem Zusammenhang zeigte sich die ebenfalls positive Erfahrung, dass Vertreter verschiedener kunsttherapeutischer Richtungen in einen kritischen aber konstruktiven Dialog eintreten konnten. Letztlich führte eine Öffnung gegenüber Forschungsfragen von Therapeuten, die sich sämtlich intensiv und seit langem mit onkologischen Patienten beschäftigten, dazu, Differenzen bezüglich divergierender kunsttherapeutischer Ansätze in den Hintergrund treten zu lassen, zugunsten eines Interesses, mit Hilfe der Forschungsfragen miteinander ein bislang wenig beachtetes Feld der Kunsttherapie zu betreten. Darüber hinaus konnten im Laufe der Zeit Kontakte zu weiteren Projektgruppen geknüpft werden, so dass die Vernetzung der im kunsttherapeutisch-onkologischen Bereich Forschenden stetig zunahm.
Zudem erwiesen sich die für andere Disziplinen üblichen Wege der wissenschaftlichen Qualifizierung, wie beispielsweise Promotionen, die mittlerweile auch mit einer entsprechenden kunsttherapeutischen Ausbildung beschritten werden können als förderlich für die Professionalisierung der kunsttherapeutischen Forschung.
So gingen aus der gemeinsamen Projektarbeit bzw. in Verbindung mit dem Forschungsverbund nachfolgend aufgeführte Formen der Veröffentlichung hervor:
1 DISSERTATIONEN
Jakabos, Christine (2000): Kunsttherapie in der Onkologie – Eine Literaturstudie, Dissertation Medizinische Hochschule Hannover.
Die Arbeit gibt eine Übersicht über die Weltliteratur bis 1997, 107 Veröffentlichungen werden berücksichtigt und systematisch ausgewertet.
Marian, Florian (2001): Beitrag zu einer Systematik und zum Verständnis kunsttherapeutischer Methoden, Dissertation Universität Witten / Herdecke.
Die methodischen Grundlagen der Kunsttherapie werden schulenübergreifend fokussiert.
Fischer, Frank (2002): „Malen ist meine Heilung“ – eine phänomenologisch orientierte Untersuchung über Bewusstseinsvorgänge in der Maltherapie am Beispiel einer an Morbus Hodgkin erkrankten Frau, Dissertation Medizinische Hochschule Hannover.
Diese Arbeit ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Kunsttherapeutin Margaretha Küwen, die posthum das Werk ihrer Patientin publizierte (1).
Born, Rhoda (Dissertation steht kurz vor dem Abschluss): Der kompetente Patient – Sicht der Patienten über Maltherapie. Dissertation Universität Witten / Herdecke.
Mit Methoden der qualitativen Sozialforschung werden Interviews mit Patienten zur Maltherapie systematisch ausgewertet.
Gruber, Harald (Dissertation steht kurz vor dem Abschluss): Systematische Bildanalyse spontan entstandener Bilder von an Krebs erkrankten Patienten. Dissertation Universität Witten / Herdecke.
Diese Arbeit zur Grundlagenforschung wendet qualitative Verfahren an zur Analyse von Experteneinschätzungen der Patientenbilder.
2 DIPLOMARBEITEN
Daumüller, Angela, Broich, Carin und Olearius, Sabine (1998): Kunsttherapie in der Onkologie, Diplomarbeit, Studiengang Kunsttherapie, Fachhochschule Ottersberg.
Die zugängliche Literatur (74 Artikel) zum Thema Kunsttherapie in der Onkologie wurde recherchiert und systematisch aufbereitet.
Schindler, Marion (2000): Künstler-Sein – ein Weg zur Krankheits- und Krisenbewältigung, Diplomarbeit, Studiengang Kunsttherapie, Fachhochschule Ottersberg.
Meuser, Carmen (2000): Der kunsttherapeutische Prozess bei Gesunden und Kranken aus der Sicht erfahrener KunsttherapeutInnen, Auswertung von ExpertInnen-Interviews, Studiengang Kunsttherapie, Fachhochschule Ottersberg.
3 ZEITSCHRIFTEN:
Marian, Florica, Petersen, Peter und Voigt, Wolfgang (2002): Die Wandlung im maltherapeutischen Prozess. Der Merkurstab, 55. Jg., Heft 5.
4 DOKUMENTATIONEN:
Broich, Carin, Daumüller, Angela, Olearius, Sabine und Henn, Wolfram (1998): Kunsttherapie in der Onkologie – Dokumentation der Buch- und Zeitschriftenartikel mit Kurzzusammenfassungen. Manuskriptdruck Fachhochschule Ottersberg (vergriffen).
Kunsttherapie in der Onkologie – Dokumentation 1. Internes Forschungssymposion an der Fachhochschule Ottersberg, 2.-4. 10. 1998, Manuskriptdruck Ottersberg 1999.
(Hier erhältlich >
Publikationen)
Kunsttherapie in der Onkologie – Dokumentation 2. Internes Forschungssymposion an der Fachhochschule Ottersberg, 24.-26. 9. 1999, Manuskriptdruck Ottersberg 2000.
(Hier erhältlich >
Publikationen)
Kunsttherapie in der Onkologie – Dokumentation 3. Internes Forschungssymposion an der Fachhochschule Ottersberg, 29.9.-1.10. 2000, Manuskriptdruck Ottersberg 2001.
(Hier erhältlich >
Publikationen)
Kunsttherapie in der Onkologie – Dokumentation 4. Internes Forschungssymposion an der Klinik für Tumorbiologie Freiburg, 5.-7. 10. 2001, Manuskriptdruck Ottersberg 2002.
(Hier erhältlich >
Publikationen)
In den vorgenannten Dokumentationen wurden u. a. die Ergebnisse bislang nicht genannter Arbeitsgruppen publiziert. Dazu gehörte: Eva Herborn, Berlin: Kunsttherapie in der letzten Lebensphase; Sibylle Herrlen-Pelzer, Universität Ulm: Psychische Auswirkungen von Maltherapie bei Krebspatienten; Evelyne Golombek, Öschelbronn: Forschungsmethoden der Kunsttherapie und Harald Hamre u.a., Freiburg: Wirksamkeitsbeurteilung der anthroposophischen Kunsttherapie: Einzelfallstudien eingebettet in eine prospektive Kohortenstudie.
5 BUCHPUBLIKATION:
»Kunsttherapie in der Onkologie«
Grundlagen / Forschungsprojekte / Praxisberichte
Dr. med W. Henn und Dipl.-Kunstth.Harald Gruber (Hrsg)
Mit dem fünften Symposion im Herbst 2002 in Loccum wurden die jährlich durchgeführten Tagungen abgeschlossen. Wir verzichteten auf die Herausgabe eines Dokumentationsbandes. Derzeit konzentrieren alle an der Verbundforschung Beteiligten ihre Energie auf die Ausarbeitung der Artikel für die abschließende Buchpublikation „Kunsttherapie in der Onkologie“. Neben den allgemeinen Kapiteln zu Onkologie und kunsttherapeutischer Forschungsmethodologie werden im Hauptteil die verschiedenen Forschungsprojekte dargestellt sowie Berichte aus der kunstterapeutischen Praxis mit Krebspatienten ausgeführt.
Fazit:
Die Symposien unseres Forschungsverbundes dienten vor allem dem wissenschaftlichen Austausch, der Anregung für eigene Forschungsarbeiten, dem gegenseitigen Kennenlernen und auf diese Art der persönlichen professionellen Vernetzung.
Im Rückblick betrachtet spiegelte sich dabei die eingangs beschriebene Polarität von kunsttherapeutischem Handeln und Wissenschaft letztlich bis in die Arbeitsweisen während der Symposien des Forschungsverbundes zwischen nüchternen Diskussionen und ergreifenden Augenblicken bei den Therapieschilderungen, zwischen harten Stühlen in modernen Seminarräumen und nächtlichen Gesangsübungen in einer gotischen Klosterkirche.
Literatur:
Küwen, M. und Borchert, E. (2000): Heilendes Malen – Ein kunsttherapeutischer Weg, Donat, Bremen.
Dr. med. Wolfram Henn
Fachhochschule für Kunsttherapie / Kunstpädagogik und Kunst
Am Wiestebruch 66-68
D-28870 Ottersberg
Siehe auch: Zeitschrift Kunst und Therapie, Zeitschrift für bildnerische Therapien, 1-2003, Klaus Richter Verlag