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Peer de Smit: Gedanken zum Jahresbeginn 2011

RUDOLF STEINER und DIE ANTHROPOSOPHIE


BIOGRAPHIE

In ihrem Kern geht unsere Hochschule auf Impulse zurück, die die Gründer der Hochschule, Rose Maria und Siegfried Pütz, Rudolf Steiner verdanken. Das anthropologische Konzept einer künstlerischen Praxis, die den Menschen mit seinen Entwicklungsmöglichkeiten in den Mittelpunkt stellt, fand Siegfried Pütz bei Rudolf Steiner vorgebildet.

Grund genug zu Jahresbeginn den Blick auf eine Persönlichkeit zu richten, die nicht nur geistesgeschichtgeschichtlich relevant ist, sondern die in ihrer zukünftigen Bedeutung zunehmend öffentliches Interesse gewinnt. Das zeigt sich unter anderem daran, dass zum Jubiläumsjahr 2011 gleich drei neue Publikationen zu Steiner von nicht anthroposophischen Autoren in namhaften nicht anthroposophischen Verlagen erscheinen. Neu ist an diesen Arbeiten, dass sie sich weder auf die Seite bedingungsloser Anhängerschaft noch auf diejenige kategorischer Ablehnung schlagen. Es gibt eine entspanntere, offenere Auseinandersetzung mit seinem Werk. Sie kommt in Darstellungen zum Vorschein, die Steiner gerecht zu werden versuchen, indem sie etwa seine Stellungnahmen und Ansichten aus der damaligen Zeit nicht einfach auf die heutige übertragen. (vgl. hierzu etwa das Interview mit der Steinerbiographin Miriam Gebhardt in info 3, Jan.2011)

Am 27. Februar vor 150 Jahren ist der Begründer der Anthroposophie in einem kleinen Ort namens Kraljevec an der ungarisch kroatischen Grenze geboren. Sein Vater war Telegraphist bei der österreichischen Bahn und stammte wie die Mutter aus Niederösterreich. Auf seine Kindheit zurückblickend, erzählt Steiner: Ich hatte die Meinung ausgebildet, dass ein Suppenteller oder eine Kaffeetasse nur zum einmaligen Gebrauch bestimmt sei. Und so warf ich denn jedes mal, wenn ich unbeachtet war, nach eingenommenem Essen, Teller oder Tasse unter den Tisch, dass sie in Scherben zerbrachen. Kam dann meine Mutter heran, dann empfing ich sie mit dem Ausruf: „Mutter, ich bin fertig“. Äußerlich geradlinig verlief der Weg seiner biographischen Entwicklung nicht.

Steiner bewegt sich im Laufe seines Lebens durch gesellschaftliche und kulturelle Milieus, die gegensätzlicher kaum sein könnten. Aus der naturnahen Abgeschiedenheit seiner Kindheit und Jugend wechselt er in das gesellige Kaffeehausleben von Wien. In Wien studiert er Mathematik und Physik, Literatur und Philosophie und betätigt sich nebenher erfolgreich als Erzieher eines behinderten Jugendlichen, den alle schon abgeschrieben haben und der dann mit Steiners Förderung sogar das Abitur schafft.

Er redigiert die naturwissenschaftlichen Schriften Goethes für einen großen Verlag, arbeitet in Weimar forschend am Schiller- und Goethearchiv, wird mit Editionsaufgaben im Rahmen der renommierten Sophien-Ausgabe der Werke von Goethe beauftragt, übersiedelt nach Berlin, wo er in die Kreise der literarischen Gesellschaften, der Theaterszene und der abgefahrensten Künstler gerät. Er mischt sich als Redakteur und Zeitschriftenherausgeber in die kulturellen Diskurse seiner Zeit ein und positioniert sich im Gespräch mit Repräsentanten des kulturellen und künstlerischen Lebens.

Dann beginnen sich die Theosophen für ihn zu interessieren und er hält Vorträge für sie, weil es die einzigen sind, die etwas über seine Anschauungen der geistigen Welt hören wollen, wo er sich neben seinem Leben als Wissenschaftler und Kneipengänger seit frühester Kindheit mit großer Selbstverständlichkeit aufhält. Er wird Mitglied der Theosophischen Gesellschaft, die von reichlich obskuren Gestalten bevölkert wird. Für über 10 Jahre verkehrt er in diesem Milieu, um ihm dann 1913 entschieden den Rücken zu kehren und eine eigene, anthroposophische Gesellschaft zu begründen. In die wechseln dann auch zahlreiche Theosophen über. Im selben Jahr findet er im Schweizerischen Dornach eine Bleibe für den Rest seines Lebens, wenn man bei seinen dauernden Reisen überhaupt von Bleibe sprechen kann.

Dornach wird zum internationalen Mittelpunkt der anthroposophischen Gesellschaft. Dort beginn er im selben Jahr, unterstützt von Freunden und Mitgliedern, mit dem Bau eines großen, kultischen Gebäudes, das er Goetheanum nennt. Als es nach zehnjähriger Bauzeit endlich fertiggestellt ist, wird der Holzbau in der Silvesternacht 1922/23, vermutlich durch Brandstiftung, völlig zerstört. Das Goetheannum wird dann als Betonkomplex nach einem Modell Rudolf Steiners neu errichtet, das hat er aber nicht mehr erlebt.

Nach Ende des 1. Weltkriegs startet Steiner eine Kampagne zur Dreigliederung des Sozialen Organismus, von der er sich eine grundlegende Veränderung der durch die Kriegsfolgen zerrütteten Gesellschaft verspricht. Politisch vermag sich die Sache nicht durchzusetzen, weil die ganzheitliche Sichtweise, die Steiner in diesem Konzept dargelegt für die meisten zu ungewohnt und unverständlich bleibt.

Deshalb gründet er im selben Jahr in Stuttgart die erste Waldorfschule, um durch ein ganzheitliches Bildungskonzept die Entwicklung ganzheitlicher Fähigkeiten zu veranlagen und damit eine Grundlage für eine Erneuerung der Gesellschaft zu schaffen.

Während all der Zeit und auch bis an sein Lebensende hält er mehr oder weniger pausenlos Vorträge über die Evolution und Zukunft der Erde, über den Geist der Planeten, über Bienen und Schmetterlinge, Ernährung, Medizin, Aberglaube, Mysterien des Altertums, Christus, Buddha, Heilpflanzen und Pädagogik. Dabei ist er durch ganz Europa unterwegs, bringt hunderte von Initiativen auf den Weg in mehr oder weniger allen Lebensgebieten, viele davon gibt es noch heute. Er gründet am Goetheanum eine freie Hochschule für Geisteswissenschaft. Er zeichnet Entwürfe für Häuser und Möbel, hinterlässt nach seinen Vorträgen Skizzen und Stichworte, die er mit farbigen Kreiden auf Schwarzen Karton kritzelt und die heute Kult sind. Vielleicht, weil sie von vielen als durchlässiger für den Geist erlebt werden als die planmäßig ausgearbeiteten Werke mit Kunstanspruch.


ANTHROPOSOPHIE HEUTE

Weltoffen vom seinem Konzept her und jeder weltanschaulichen Monopolisierung abgeneigt, vermochte sich das Anthroposophische doch nicht im gesellschaftlichen Dialog und in der Bezugnahme auf die zeitgenössischen gesellschaftliche Kontexte zu entwickeln. In der Abschottung oder Ghettoisierung der Anthroposophen liegt etwas Tragisches. Die damit einhergehenden abstrusen, befremdlichen und oftmals auch einfach nur lächerlichen Verhaltensweisen und Vorgänge verleihen der Anthroposophie einen hartnäckigen Beigeschmack, den sie nicht loszuwerden scheint.

Die verfahrene Situation mündet schließlich in Fragen, wie die, die Felix Hau in der neuesten Steiner Jubiläums Ausgabe der anthroposophischen Zeitschrift info 3 vorträgt, warum es „zum Teufel kaum AnthroposophInnen gibt, die einen Porsche fahren, in einer abgefuckten 200 qm Loft Wohnung leben, ihre Sprösslinge nachmittags zum Kickboxen schicken, und auch mal zwischendurch auf der Waschmaschine vögeln, wenn´s sich gerade ergibt.“

Ja, zum Teufel, warum, aber es ist vielleicht auch nicht die aller dringlichste Frage, die sich uns in diesen frühen Januartagen des neuen Jahres aufdrängt. Die gesellschaftliche Ausgrenzung der anthroposophischen Bewegung ist sicher nicht nur selbst verschuldet. Aber das stereotype und sture Bestätigen gesellschaftlich vorhandener Vorurteile oder die eben so eingleisigen Vermeidungsstrategien kennzeichnen die institutionalisierte Anthroposophie bis auf den heutigen Tag.

Dogmen, Doktrinen, die buchstabengetreue und ahistorische Reproduktion von Ansichten und Verfahren, die nicht in Beziehung zu einer sich verwandelnden Gesellschaft befragt wurden, erzeugten vielfach eine Atmosphäre der Enge, des Sonderbaren, schließlich auch schlechtweg Dilettantischen.

Hierdurch haben vor allem die anthroposophischen Künste, Malerei, Bildhauerei, Bühnenkunst, die Literatur und die Wissenschaften schlimmen, wo nicht irreparablen Schaden genommen. Versteht sich, dass die nachteiligen Auswirkungen vor Disziplinen wie der sogenannten anthroposophischen Kunsttherapie nicht Halt gemacht haben.

Dennoch: Heute, 150 Jahre nach seiner Geburt scheint Rudolf Steiners Werk und seine Impulse alles andere als überholt.

Eine über tausendseitige Werkauswahl zu 9,99 € steht zu Beginn des Jahres 2011 auf Platz eins 1 der Top Ten des Megaversandsellers 2001. Er war, weiß der clevere Massenvermarkter von Printmedien und digitalen Datenträgern, einer der einflussreichsten Reformer des 20. Jahrhunderts. Sein Ziel, so 2001 : östliches und westliches Erbe der Spiritualität, Philosophie, Naturwissenschaft, Kunst, Religion in einer neuen Weltsicht zu vereinen und eine andere Form des Zusammenlebens zu entwickeln. Längst sind zahlreiche Impulse Steiners in unsere Alltagsrealität eingegangen, ohne dort ohne weiteres erkennbar zu sein.

GESELLSCHAFTLICHE ANERKENNUNG

Im Wesentlichen sind es drei Bereiche, in denen anthroposophische Initiativen heute Erfolge erzielen, die eine breitere gesellschaftliche Anerkennung gefunden haben:

- Waldorfpädagogik

- Medizin und Heilpädagogik

- Landwirtschaft und Ernährung

Also diejenigen Dinge, bei denen der gesellschaftliche Nutzen auf der Hand liegt, und von denen man ganz gut profitieren kann, ohne sich mit der Weltanschauung und den Begriffen, die dahinter stecken, befasst zu haben. Hieraus erklärt sich dann wohl auch, dass es Michaela Glöckler, Ärztin und Leiterin der medizinischen Sektion am Goetheanum, zusammen mit ihren Kollegen gelungen ist, im Laufe von 4 Jahren über eine Million Unterschriften zu sammeln für die Europäische Allianz von Initiativen angewandter Anthroposophie , die unter der wohlklingenden Abkürzung Eliant bekannt geworden ist und in Brüssel bei der EU dafür sorgen soll, dass man die anthroposophischen Initiativen und Erzeugnisse ernster nimmt als bisher. Während das allgemein Nützliche auf Sympathie in der Gesellschaft stößt, findet die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft kaum gesellschaftlichen Rückhalt. Gerade einmal 50 000 Mitglieder zählt die in 78 Ländern verbreitete Organisation weltweit, eine gemessen an der Weltbevölkerung verschwindende Anzahl.


ANTHROPOSOPHISCHES POTENZIAL

In ihrem populär gewordenen Nutzwert liegt aber eher ein Sekundäreffekt dessen, was Rudolf Steiner mit der Anthroposophie initiieren wollte. Ihm ging es um ein spirituelles vielseitiges Verständnis des Menschen, um die geistige Einheit von Mensch, Erde und Kosmos, nicht als nebulöse Allerfahrung, sondern konkretisiert in Fragestellungen und Erkenntnissen zu den Rätsel von Leben und Tod, der menschlichen Entwicklung, des Schicksals, des Bösen, der Liebe, der Freiheit.

Er hat differenzierte Sichtweisen und Zugänge für Bereiche geschaffen, vor denen Natur- und Humanwissenschaften weitgehend kapitulieren und über die die Religionen eher in sehr allgemeiner Art reden. Dass wir zwar ganz gut erklären können, wie das Blatt vom Baum herunterkommt, aber nicht wie es auf ihn heraufkommt, prägt noch immer die allgemeine Erkenntnislage.

Der Begriff des Lebens steht heute entweder für das schlechterdings Unerklärliche oder ist einfach dem Begriff des Materiellen gewichen. Damit wollte sich Steiner nicht zufrieden geben. Er entwickelt den Begriff des Lebens dynamisch. Er geht von der Welt der Beobachtung aus und macht in ihr eine Wirklichkeit geltend, die sich zwar mit der materiellen verbinden kann und auch in ihr zugänglich ist, aber nicht von ihr abhängig.

Aufregend ist, dass sich Steiner über solche Themen sehr präzise und detailliert äußert, dass er Bereiche, die sonst diffusen Gefühlen überlassen bleiben, ins klare Bewusstsein rückt, ohne ihnen ihren Gefühlswert zu nehmen. Er belässt es nicht bei der Unvereinbarkeit von rationalem Denken und religiösem Glauben, sondern beginnt beides aufeinander zu beziehen, so dass die Gegensätze sich sowohl zu differenzieren als auch zu komplementieren beginnen.

Der Erneuerungsimpuls der Anthroposophie nimmt seinen Anfang im einzelnen Menschen – und doch ist dieser Einzelne in einem sozialen Beziehungszusammenhang von Politik, Wirtschaft, Rechtsleben und Kultur gesehen. Das Soziale denkt Steiner hinwiederum nicht als gesellschaftliches Programm, sondern als etwas, das unter der Voraussetzung entstehen kann, dass Einzelne in gesellschaftlicher Verantwortung an sich selbst zu arbeiten beginnen. Steiner kam es darauf an, den einzelnen Menschen in seiner inneren Verantwortung gegenüber dem eigenen Leben, der Gesellschaft und der Welt anzusprechen. Er hat die Geschichte des Menschen und der Menschheit, die Entwicklung des menschlichen Bewusstseins, von der nichts geringeres als das Schicksal der ganzen Welt abhängt, als einen Vorgang begreifbar zu machen versucht, der nicht Ergebnis blinden Zufalls ist, sondern Teil eines geistigen Zusammenhangs, in den die kosmische Geschichte der Naturreiche und der Erde eingebunden sind. In dieser Sicht der Dinge erscheint es bspw. ziemlich abwegig, die ökologischen Probleme der Gegenwart mit Maßnahmen bewältigen zu wollen, die der schiere Überlebenstrieb diktiert. Schon sinnvoller wäre eine Motivation, die nach den geistigen Beziehungen zwischen dem Menschen und den Naturreichen fragt, um aus einer solchen Haltung Maßnahmen abzuleiten, die ein Miteinander von Mensch und Erde ermöglichen.

Die Entwicklung des menschlichen Bewusstseins sieht Steiner unmittelbar eingeordnet in die Entwicklung der Welt. Der Mensch, schreibt er in seiner Selbstbiographie Mein Lebensgang, ist nicht das Wesen, das für sich den Inhalt der Erkenntnis schafft, sondern er gibt mit seiner Seele den Schauplatz her, auf dem die Welt ihr Dasein und Werden zum Teil erst erlebt. Gäbe es nicht Erkenntnis, die Welt bliebe unvollendet.

Steiner kam es darauf an, Bewusstseinsgrenzen zu überschreiten und in der Steigerung von Wahrnehmen und Denken eine Haltung zu entwickeln, die für die alten Bergvölker im Himalaya ebenso selbstverständlich war wie für die Indianer Amerikas oder die australischen Ureinwohner. Steiner entwickelte seine Konzepte aber nicht im Rekurs auf solche Traditionen, sondern indem er an die abendländische Geistesgeschichte anschloss, indem er weiterführte und integrierte, was Geisteswissenschaftler und Naturwissenschaftler vor ihm hinterlassen hatten: Goethe, Schiller, Novalis, Nietzsche, Häckel. Das schließt nicht aus, dass er manche verkannt oder übersehen hat, statt ihre Blickwinkel in die Universitas der Wissenschaften und Künste einzubeziehen, wie es etwa Sigmund Freud, C.G.Jung oder Albert Einstein widerfuhr.


AKTUELLE SITUATION

Heute müssen wir uns die Frage stellen: Was bedeutet all dies für die Zukunft unserer Kultur und wie können wir Zugänge zu Rudolf Steiners Konzepten der Anthroposophie gewinnen, die künstlerisches, wissenschaftliches und gesellschaftliches Handeln auf hohem Niveau ermöglichen.

Hier haben die Hochschulen eine ganz besondere Aufgabe, weil sie aufgrund ihres Ausbildungsauftrages, ihrer Verpflichtung zu kritischer Selbstreflexion, Evaluation und Weiterentwicklung in einer öffentlichen gesellschaftlichen Verantwortung stehen. Niemand als sie könnte eine Vorreiterrolle übernehmen. Das tun sie bisher kaum. Es gibt in Deutschland gerade einmal 3 staatlich anerkannte Hochschulen, die auf anthroposophische Gründungsimpulse zurückgehen. Und an keiner von ihnen wird so richtig deutlich, wie sie die Anthroposophie nutzen, um innovative Hochschularbeit zu machen.

Die Verifizierung von anthroposophischen Arbeitsgrundlagen bleibt derweil entweder den fragwürdigen Legitimätskontrollen selbsternannter Deutungshoheiten oder beliebiger Selbsterklärung überlassen.

Noch immer ist Anthroposophie ist kein Gegenstand öffentlicher Diskurse. Kein Thema in Lehre und Forschung. Sie gilt gesellschaftlich als Privatangelegenheit einer Minderheit, und wird vor allem dann zum Thema, wenn es etwas zu beanstanden gibt. Es sind die Bedenklichkeiten, für die Begründungen in Steiners Werken gesucht werden, nicht die Erfolge und Aussichten, was sich beispielhaft an der Rassismusdebatte nachverfolgen lässt, so wichtig die kritische Auseinandersetzung mit dem Thema auch ist.

Vollends im Kontext der Kunst, wird Anthroposophie nicht ernst genommen, schlimmer: sie spielt einfach keine Rolle. Darüber kann auch die viel gelobte Ausstellung zu Rudolf Steiner und anthroposophisch inspirierter zeitgenössischer Kunstproduktion im Kunstmuseum Wolfsburg nicht hinwegtäuschen.

Museumsdirektor Markus Brüderlin, interessiert sich nach eigenem Bekunden ausschließlich für die Person Rudolf Steiners und dessen Werk, aber nicht für die Frage nach möglichen Impulsen der Anthroposophie in der heutigen Gesellschaft. Vieles in der Ausstellung kam denn auch über den Rahmen historischer Dokumentation nicht hinaus. Türen in die Zeitgegenwart der Anthroposophie konnte ich nicht erkennen. Wo aber Türen geöffnet wurden, blieb es bei sehr allgemeinen Bezügen von zeitgenössischen Künstlern zu anthroposophischen Konzepten. Ein spezifischer Mehrwert war nicht auszumachen, einmal abgesehen von der Tatsache, dass mich einiges auch einfach künstlerisch nicht überzeugte.

Das Kunstmuseum Wolfsburg, so warb Museumsdirektor Markus Brüderlin für die Ausstellung, zeigt Steiner, weil wir überzeugt sind, dass seine Ideenwelt eine noch lange nicht ausgeschöpfte, kreative Fundgrube für die Kunst ist und gerade für das kreative Denken im 21. Jahrhundert akut wird.

Ein großes Versprechen, das die Wolfsburger Ausstellung nicht eingelöst hat.

Aber es ist ein starkes Wort. Stark genug, um die Frage aufzuwerfen: Wie soll das gehen? Wie kann aus dieser Ideenwelt so geschöpft werden, dass der Satz Wissen schafft Kunst kein bloßer Kalauer bleibt.

Es müssten Forschungsfragen erkennbar werden, es müssten sich künstlerische und wissenschaftliche Forschungswege abzeichnen. Es müsste an irgendeiner Stelle deutlich werden, inwieweit Rudolf Steiners Ideenwelt eine kreative Fundgrube für die Kunst ist und gerade für das kreative Denken im 21. Jahrhundert akut wird. Und dies nicht mit den bis zum Überdruss strapazierten Verweisen auf Joseph Beuys, sondern greifbar an zeitgenössischen Werken, Projekten, Diskursen.

Solche und verwandte Fragestellungen möchten wir hier an der Hochschule an einer im kommenden September in Kooperation mit der Alanus Hochschule stattfindenden Fachtagung zum Thema Anthroposophie im Hochschulkontext. Herausforderung und Chance aufgreifen.

Vieles am anthroposophischen Geistesgut erschließt sich nicht im ersten Moment. Nicht weil es unverständlich wäre, sondern weil es von einer Rhetorik überlagert ist, durch die man sich erst mühsam hindurcharbeiten muss, um zu den Kernaussagen zu kommen.

Dazu kommt, dass es eine historisch kritische Werkedition erst in Ansätzen gibt. Der größte Teil von Steiners Werk besteht aus frei gehaltenen Vorträgen, die in Mitschriften des gesprochenen Wortlauts festgehalten und in Büchern überliefert sind. Wir lesen das aber als Geschriebenes, ohne den Tonfall, den Ausdruck, die Pausen hören zu können, die vielfach ausschlaggebend für die Bedeutung, die Konnotationen des gesprochenen Wortes sind.


KERNSUBSTANZ

Hat man sich aber einmal durchgearbeitet zu den Kernaussagen, dann springen sie einen an wie Licht, das plötzlich durch einen Türspalt bricht.

Keine Heilslehre, aber die Möglichkeit, weitreichende Perspektiven persönlich zu verorten und in eine Beziehung zur Welt einfließen zu lassen, mit der sich unsere Erfahrungen grundlegend verändern. Daraus ergeben sich neue Sichtweisen und Handlungsmöglichkeiten, eine neue Haltung gegenüber den alltäglichsten Dingen, eine Sensibilisierung für die Präsenz des Geistigen in den Prozessen der Natur, in den Prozessen der Kunst, des alltäglichen Lebens.

Dies hat, auch wenn es immer wieder so aufgefasst wurde, nichts mit ästhetischen Rezepturen oder Stilbildung zu tun.

Wenn es einem jedoch gelänge, aus einer solchen Haltung künstlerisch tätig zu werden, müsste eine Kunst entstehen, in der man Spiritualität atmen kann wie in der sakralen Kunst der Inder oder den Ritualen der Naturvölker. Aber die neue Spiritualität käme aus der persönlichen Individualität der Autoren, die sich dafür entscheiden. An die Substanz einer anthroposophischer Anthropologie rühren wir schwerlich im Rückgriff auf die anthroposophische Tradition und ebenso wenig auf den ausgetretenen Pfaden der Reliquienverehrung.

Vielleicht aber in Gedankengängen wie diesen: Schöpferische Produktion bildet einen zeitgeschichtlich mitwandernden Kernpunkt menschlicher Entwicklung. Einen Kernpunkt, der zugleich ein Universum ist: Der Kernpunkt ist individuell. Das Universum geht durch alle Kulturen, Gesellschaften und Religionen hindurch.

Schöpferisches Tun zeigt sich als etwas, das über die Welt, die wir vorfinden, immer hinausgeht, das uns mit anderem und anderen in eine innere, tiefere Beziehung bringt, weil wir in der Kunst an Oberflächen agieren, wo Sinnliches und Nichtsinnliches ineinander übergehen.

Heute steht solches Tun im Zeichen der Freiheit. Alles ist möglich. Aber es ist eine Frage sozialer und kultureller Bildung, inwieweit sich die Mitglieder einer Gesellschaft an künstlerischen Prozessen tatsächlich beteiligen können und ob sie ihre eigenen schöpferischen Ressourcen dafür nutzen können.

Dies sind, in meine eigenen Worte gefasst, Gedankengänge, die Rudolf Steiner nicht psychologisch oder philosophisch herleitet, sondern im Ganzen einer Kosmologie verortet, zu der Menschen, Naturreiche, geistige Welten gleichermaßen dazugehören. Solche Gedanken sind, wie mir scheint, weit und präzise genug, um den Zielsetzungen unserer Hochschule Raum zu geben.

Wo immer Menschen sich dem unsichtbaren Teil der Wirklichkeit zugewandt haben, ganz egal, ob sie ihn im Jenseits oder in der eigenen Seele gesucht haben, haben sie es auf künstlerische Weise getan. Sie haben sich der Sprache der Kunst bedient, um eine Brücke zu schlagen zwischen dem Sichtbaren der Welt und dem Unsichtbaren der inneren Erfahrung. Eine Sprache der Würde, der Würdigung und Wertschätzung. Das Komplement zu dieser Ästhetik bildet das Ästhetische als Jokus und Spiel, als Karneval und Kokolores, als Satire und Persiflage, als Schabernack und Fake, als Nonsense und Narretei, als Anlass zu Heiterkeit und schallendem Gelächter. Beides zusammen genommen, die Brücke ins Unsichtbare und der närrische Tanz auf ihr, die Sehnsucht nach dem Geist auf der einen und die ironische Distanznahme von der Welt auf der anderen Seite, ergibt- auch wenn es in der Praxis dann immer wieder ganz anders herausgekommen ist- das Konzept einer anthropologischen und anthroposophischen Ästhetik, die Rudolf Steiner zwar nie systematisch dargestellt hat, die sich aber ohne weiteres aus seinem Werk herausholen lässt.


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