Collage - Hochschule

Ausblicke von und für ehemalige StudentInnen

ABSOLVENTiNNEN PORTRAIT:

Jana Köckeritz: „Wucht und Authentizität“

Ausbildung: Diplom-Theaterpädagogin
Abschluss: 2001
lebt in: Bremen
arbeitet als: Regisseurin, Theaterpädagogin ("Mobile Theaterwerkstatt", "Wilde Bühne Bremen");
Lehrbauftragte und Mitglied im Vorstand der Fachhochschule Ottersberg

„17 ¼ Minuten Kalte Wut“ heißt das Stück, das Jana Köckeritz und Michaela Uhlemann 2009 auf die Bühne gebracht haben. In der Aufführung der geht es um einen jugendlichen Amokläufer. Kein leichter Stoff. Und auch nicht irgendein Ensemble. Die „Wilde Bühne Bremen“ besteht überwiegend aus ehemaligen Drogenabhängigen. Die „17 ¼ Minuten Kalte Wut“ möchte Jana Köckeritz nicht nur im Theater zeigen. Sondern vor allem da, wo das Thema tatsächlich brisant ist – in der Schule.

Jana Köckeritz ist Absolventin der FH Ottersberg. Und sie zeigt mit ihrer Arbeit geradezu exemplarisch, was in Ottersberg unter „Theater im Sozialen“ verstanden wird. Im Rahmen des Theaterprojektes „Mobile Theaterwerkstatt“ und der Präventionsbühne „Wilde Bühne“ konzentriert sich die Regisseurin und Theaterpädagogin tatsächlich auf die Gesellschaft, und zwar an den Orten, wo es am meisten weh tut. Existenzielle Nöte, Computerspielsucht oder Gewalt sind die Themen. Es geht um Fragen wie „Was macht das Leben lebenswert?“, „Was steckt hinter der Sucht?“, „Wie kann ich meine Umwelt mit gestalten?“ und „Welcher Weg führt aus der Einsamkeit in die Begegnung?“

Die Schauspieler, cleane Ex-Junkies, spielen nicht nur – sie wissen darüber hinaus aus ihrer eigenen Biografie, worum es geht. Die Ergebnisse zeigen, dass „Theater im Sozialen“ keineswegs eine Einbahnstraße ist, die Verteilung milder Gaben an Bedürftige. Stattdessen erzeugt die riskante Mischung aus einem hoch involvierten Ensemble und brennenden Themen etwas wirklich Neues, eine besondere Ästhetik.

"Wir sehen Menschen auf der Bühne, die die Abgründe der Einsamkeit kennen, sich aus diesem Gefühl heraus gekämpft haben und ihre ersten Gehversuche machen,“ sagt Jana Köckeritz. „Die Arbeit mit der Wilden Bühne ist für mich manchmal so, als wäre eine tickende Zeitbombe im Raum. Scheinbar aus dem Nichts heraus kann das ‚System abstürzen’. In dieser brisanten Arbeitsatmosphäre steckt ein enormes Potential an Kreativität, eine unberechenbare Mischung aus Zerbrechlichkeit, einer unmittelbaren Wucht und Authentizität. Hier geht es nicht um Perfektion, sondern um Direktheit und Menschlichkeit.“



1973 in Delmenhorst bei Bremen geboren, hat Jana Köckeritz eigentlich schon immer Theater gespielt. Doch Umwege über Ethnologie und Kulturwissenschaften mussten gegangen werden, bis sie 1997 zur FH Ottersberg kam, wo sie Kunsttherapie und Theaterpädagogik studierte. In dieser Zeit gehörte sie zu den Gründern des Improvisationstheaters „Inflagranti“, spielte im Bremer Schnürschuh-Theater mit und gründete im Zusammenhang mit ihrer Diplomarbeit 2001 die Mobile Theaterwerkstatt der FH Ottersberg. Seit 2003 leitet sie die Wilde Bühne Bremen, ein Suchtpräventionsprojekt, inspiriert und unterstützt von der Wilden Bühne Stuttgart. „Schwefelgelb“, ein Stück zu Vincent van Gogh, „Helden im Netzt“ (über virtuelle Welten und Gewalt) und eben „Kalte Wut“ sind die bisherigen Produktionen der Wilden Bühne.



Wenn Jana Köckeritz an ihre Ottersberger Zeit zurück denkt, fällt ihr Atmosphärisches ein. So etwa das für Theaterleute so wichtige Feedback. „Man sagte hier nicht: du bist so oder so. Sondern es hieß: Ich nehme dich so wahr.“ Die Ausbildung war kein Ausleseprozess mit dem Ziel, Stars zu machen, sondern ein Gruppenprozess. „Die Intuition wurde geschult, wir lernten, auf unseren eigenen Impuls zu vertrauen und auf Unvorhersehbares zu reagieren.“ Davon profitiert sozial engagiertes und mit sozialen Impulsen arbeitendes Theater besonders stark. Was dagegen heute, in Zeiten der Bachelor-Ausbildung, anders ist: Man hatte damals noch Zeit, auch außerhalb der Fachhochschule kreativ tätig zu sein. Zeit für Inszenierungen in Bremen, für theaterpädagogische Arbeit im Kinderhort oder in einer Suchtklinik oder zum Aufbau einer Theatergruppe.

Jana Köckeritz ist nicht nur räumlich der Fachhochschule nahe geblieben. Sie unterrichtet in Ottersberg als Lehrbeauftragte. Und seit Kurzem gehört sie dem Vorstand der Fachhochschule an. Keine schlechte Voraussetzung, um mitzuhelfen, die oft gelobte Atmosphäre, jenen  geheimnisvollen „Spirit“ der Fachhochschule zu erhalten und zu pflegen.

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