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Peer de Smit

HOFFNUNG

Rede zur Verabschiedung der Absolventinnen und Absolventen am 25.03.2011

Seinen Kommentar zum Sturz der Diktatur in Ägypten eröffnete ZEIT Autor Thomas Assheuer vor vier Wochen[1] mit den Worten: Abgesehen von Krieg und Vernichtung - was ist das Schlimmste, das der Menschheit passieren könnte? Das Schlimmste, so zitiert Assheuer dann den amerikanischen Philosophen Richard Rorty, sei es, wenn die Welt ihre Hoffnung verlöre und das Wort Zukunft seine Faszination. Im Freiheitswillen, mit dem die Bevölkerung in Ägypten, Tunesien, Algerien, Jemen oder Libyen Staatsmächte zum Wanken brachten, die so unverrückbar wirkten wie Beton, erkennt Assheuer die Wiederkehr der weltverändernden Zukunftskraft einer Hoffnung, die bereits verloren schien.

Ein halbes Jahrhundert zuvor spricht Ernst Bloch in der Vorrede zu seinem epochalen Werk „Das Prinzip Hoffnung“ von der für die gesellschaftliche Entwicklung seiner Zeit unverzichtbaren Zielsetzung, das Hoffen zu lernen. Dabei unterstreicht er das aktive Wesen des Hoffens und setzt es einem bloß untätigen, leidenden Hoffen entgegen, indem er Hoffen mit einer Arbeit gleichsetzt, die ins Gelingen verliebt sei statt ins Scheitern.

Hoffnung erscheint bei Bloch als Triebkraft des menschlichen Fortschritts mit Blick auf die Utopie einer neuen Gesellschaft. Nach Beendigung der nationalsozialistischen Schreckensjahre soll das Prinzip Hoffnung eine neue Ära einleiten.

Hoffnung entsteht indessen vor allem auch in Momenten von Krisis und Verlust, in der Gegenwart von Gefahr und Bedrohung.

Wir hoffen, dass die verlorene Brieftasche wieder auftaucht.

Wir hoffen auf Gerechtigkeit, wenn wir verleumdet worden sind.

Wir hoffen, dass der von Chemikalien verseuchte Fluss sich wieder erholt.

Wir hoffen, dass wir den ins Schleudern geratenen Wagen bei 140 km/h noch einmal in Griff bekommen.

Hoffnung geschieht im Eingeständnis unserer persönlichen Ohnmacht und Ratlosigkeit:

angesichts der Entführung eines wehrlosen Kindes

angesichts der Ausweisung von Asylanten, die in ihrem Heimatland ihres Lebens nicht sicher sein können

angesichts der drohenden atomaren Verwüstung im Japanischen Küstenort Fukushima

angesichts der im maroden Salzbergwerk Asse 2 korrodierenden Fässer mit radioaktivem Müll.

In all diesen Fällen ist die Hoffnung von Angst unterlegt.

In den meisten dieser Fälle richtet sich Hoffnung nicht nur auf den Zufall, der ein Unglück abwenden könnte, sondern auf die Bewältigung sich anbahnender Katastrophen durch menschliches Geschick.

Angesichts einer lebensbedrohlichen Erkrankung geht Hoffnung auch über das Menschenmögliche hinaus.

Hoffentlich – so sehr das Wort auch zur Phrase verkommen sein mag, es durchsetzt unseren Alltag wie ein Signal, das anzeigt, wie wir uns zu unserer ungewissen Zukunft in Beziehung setzen.

Hoffnung gehört zu den elementaren Affekten, die unser Leben bestimmen. Wo sie versiegt oder ausbleibt oder wo sie enttäuscht wird, scheint die Basis menschlichen Lebens infrage gestellt.

Hoffnung entsteht nicht nur im Eingeständnis der Ohnmacht, sondern nährt sich zugleich aus der Verantwortung für die Zukunft menschlichen Lebens auf der Erde. „Aus der Mitte der Existenz herausgegriffen“, schreibt die Hannoveraner Schopenhauer Expertin Ortrun Schulz, „vereinigt sie (die Hoffnung) solche Probleme wie die Gesamtdeutung des Weltlaufs und dessen Bewertung, Wahrheit und Irrtum, das Verhältnis zwischen Wille und Intellekt, Erwartung und Begründung, Prinzip und Passion. Die Analyse des Wesens der Hoffnung erhellt einen Grundzug der Natur des Menschen, sein Streben nach Glück, ist sie doch ein vom Wunsch gespeistes Fürwahrhalten. “[2]

In jeder Hoffnung schwingt die Frage nach dem Ausgang eines künftigen Geschehens. Deshalb ist jede auf die Zukunft gerichtete menschliche Regung oder Tätigkeit ohne Hoffnung kaum denkbar.

Jedem Projekt ist die Hoffnung auf sein Gelingen eingeschrieben. Eine künstlerische, pädagogische, vor allem aber eine therapeutische Tätigkeit ohne Hoffnung erscheint daher nicht nur unmenschlich, sondern auch sinnlos.

Hoffnung ist das unverzichtbare Vertrauen im Blick auf die Unwägbarkeiten und Ungewissheiten einer Zukunft, die wir weder kennen noch berechnen können.

Hoffnung, hat in gewohnt zynischer Manier der Dramatiker Heiner Müller geäußert,sei etwas für Leute, die unzureichend informiert sind. Sollen wir hieraus schließen, dass sich die Frage nach der Hoffnung angesichts der immer perfekteren Zugänglichkeit jedweder Information erübrigt?

Wer sich mit künstlerischen Dingen befasst, wird immer unzureichend informiert sein, zumal es nicht zu den vordringlichen Zielen künstlerischer Hervorbringungen gehört, zu informieren. Auch in menschlichen Beziehungen wird uns die zureichende Information zumeist kaum weiterbringen.

„Im Elend bleibt kein anderes Heilungsmittel als Hoffnung nur“, sagt Claudio, dem es wirklich ziemlich dreckig geht, in Shakespeares Drama „Maß für Maß“. Das hat sich auch im Zeitalter der Information kaum überholt.

Vielleicht stimmt es tatsächlich: Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Zweifellos gibt es törichte Hoffnungen, es gibt aber ebenso solche, die die die einzige wirklich tragfähige Grundlage für unser Handeln sind.

Weil Hoffnung einem Wunschdenken entspringen kann, das täuschen und enttäuschen kann und in der Folge Leiden verursacht, wird sie spätestens seit dem Zeitalter der Aufklärung mit der Frage nach der Berechtigung des Wunschdenkens erkenntnistheoretisch thematisiert. Dies führt dann etwa in der Philosophie von Arthur Schopenhauer zu einer Kritik der Hoffnung.

Als einer der ersten Philosophen hat sich Spinoza vor rund 350 Jahren mit dem Begriff der Hoffnung befasst. Im dritten Teil seiner Ethik, wo er sich der begrifflichen Bestimmung verschiedener Affekte widmet schreibt er:

Hoffnung ist nämlich nichts anderes als unbeständige Freude, entsprungen aus dem Vorstellungsbilde eines zukünftigen oder vergangenen Dinges, über dessen Ausgang wir im Zweifel sind.

Furcht hingegen eine unbeständige Traurigkeit, gleichfalls entsprungen aus dem Vorstellungsbilde eines zweifelhaften Dinges.

Wenn dann der Zweifel aus diesen Affekten schwindet, so wird aus der Hoffnung Sicherheit und aus der Furcht Verzweiflung: nämlich Freude oder Traurigkeit, entsprungen aus dem Vorstellungsbilde eines Dinges, das wir gefürchtet oder gehofft haben.

Hoffnung und Furcht bestimmt Spinoza als die für die Grundbefindlichkeit des Menschen ausschlaggebenden Affekte.Nach seiner Überzeugung wächst mit der Furcht vor einem bestimmten Übel auch die Hoffnung auf dessen Abwendung. Genau umgekehrt schätzt Ernst Bloch dieses Verhältnis ein. Nach seiner Ansicht sinkt die Hoffnung, ein Übel abwenden zu können, je mehr die Furcht davor von uns Besitz ergreift. Mit wachsender Hoffnung dagegen, so Bloch, nehme auch die Chance zu, ein Übel zu bewältigen.

Hoffnung kann begleitet sein von der Angst und der Sorge, dass das Erwünschte nicht eintritt. Ihr Gegenteil ist die Verzweiflung, die Hoffnungslosigkeit, die Resignation oder die Depression. Wenn sich der Hoffnung im Sinne Spinozas eine optimistische Haltung zuschreiben lässt, so ihren Gegenbegriffen eine pessimistische. Von hieraus liegt es nahe, dass ein pessimistischer Philosoph wie Schopenhauer die Hoffnung kritisch bewertete. Schopenhauer witterte in ihr nicht nur eine wirklichkeitsfremde, illusionistische Sicht der Welt, sondern zugleich eine Haltung passiver Schicksalsergebenheit.

In der Tat kennzeichnet die Hoffnung eher Passivität als Aktivität.

Wird Hoffnung in Situationen, wo Taten Abhilfe versprechen oder zumindest nicht unversucht bleiben sollten, zum Alibi für Untätigkeit,wirkt sie destruktiv. Sie gleicht dann den „frommen Wünschen“, die nicht zur Tat motivieren, sondern den Status Quo resignativ befestigen und zumeist auch bestärken.

Hoffnung kann Tatenlosigkeit legitimieren, wo aktives Eingreifen vonnöten wäre. Dann bleiben die Dinge einem fragwürdigen Schicksal überlassen, statt die erforderliche Zivilcourage anzuregen, die eine Wende herbeiführen könnte.

So müssen wir vermutlich auch die Antwort von Joseph Beuys auf die ihm in einem Interview 1980[3]gestellte Frage verstehen, ob seine Hoffnung, das System verändern zu können, immer noch ungebrochen sei:

Ich brauch' gar keine Hoffnung. Mit dem Begriff Hoffnung arbeite ich überhaupt nicht. Das ist für mich etwas Irrationales. Ich kann es mir leisten, auf Hoffnung total zu verzichten, weil ich in jeder Ecke der Wirklichkeit sehe, daß man sie in was Positives verwandeln könnte, also ich sehe die Möglichkeiten, und zwar nicht als Täuschung, sondern ganz objektiv. Ich sehe, daß, wenn man das oder jenes so oder so machen würde, der ganze Apparat, also der ganze Organismus, zum Leben käme, sich regenerieren könnte, ganz neue Prinzipien zur Diskussion gestellt werden könnten, eine neue Gesellschaftsordnung beginnen könnte, eine völlig andere menschliche Zukunft.

Auf den Einwand des Interviewers, die Möglichkeiten sehe er auch, aber er sehe nicht, dass von ihnen Gebrauch gemacht würde. Das hoffe er höchstens, präzisiert Beuys dann:

Wie man es nennt, ist ja gleich. Meinetwegen können Sie es auch Hoffnung nennen. Nur hat dieser Begriff heute für mich so eine passive Seite bekommen. Ursprünglich, im Mittelalter, waren ja Glaube, Liebe, Hoffnung Erkenntnisorgane des Menschen. Heute ist Hoffnung zu so einer merkwürdigen Einstellung geworden: Na ja, es wird schon irgendwie gehen, von irgendwo wird die Rettung schon kommen, also so eine Art Fatalismus, anstatt mit aktiver Arbeit an die Probleme der Menschen heranzugehen.

Hoffnung also kann sich disqualifizieren, wenn in ihr Passivität und Schicksalsergebenheit überhandnehmen. Während das Leben Tag für Tag an einem vorübergeht, vertröstet die Hoffnung permanent auf eine Zukunft, die es nie geben kann. Dann bedeutet Hoffnung, ein Leben lang auf das Leben zu warten, statt es selbst in die Hand zu nehmen.

Eine besondere Qualität von Hoffnung, ihr gleichsam subversives Potenzial, scheint mir aber Beuys in seiner Kulturkritik zu übersehen. Sie liegt im Widerstand der Hoffnung gegen das Dogma der totalen Machbarkeit.

Auch wenn das Dogma des technologisch Machbaren im Zuge drohender und bereits sich vollziehender ökologischerund zivilisatorischer Katastrophen in den letzten Jahren hier und dort erschüttert wurde, so leitet es doch noch immer maßgeblich die Entscheidungen und die strategischen Ziele in den Wissenschaften, in der Wirtschaft und Politik.

Die Suche nach den Lösungen für die zentralen Probleme von Erde und Mensch bestimmt nicht die Hoffnung, sondern die Überzeugung von der technologischen Machbarkeit und der Beherrschbarkeit der Technik. Das betrifft die Stammzellenforschung und die Experimente mit genetischem Material nicht weniger als die Klimaschutzdiskussion oder die aktuelle Diskussion zur Sicherheit von Atomreaktoren oder der Verwahrung von radioaktivem Müll. Infrage steht allenfalls die Realisierung des Machbaren in gebotener Frist, nicht aber die prinzipielle Perspektive erreichbarer Ziele. In Gorleben werden keine Container mit strahlenden Abfällen gelagert in der Hoffnung, dass sich das Problem irgendwann löst, sondern in der Überzeugung, dass es sich in absehbarer Zeit technisch lösen lässt.

Eindrücklich hat Paolo Knill in seinem Aufsatz über „Das unvermittelbare Heilmittel“ herausgearbeitet, wie sich der eigentliche Moment der Lösung oder gar des therapeutischen Gelingens dem Handlungsraum der Machbarkeit entzieht. Unvermittelbar bleibt, was sich im Zwischenraum einer therapeutischen Begegnung ereignet:

All jene Ereignisse im Dazwischen der therapeutischen Begegnung, welche nicht vorhersehbar, nicht einsetzbar oder machbar, nicht reproduzierbar sind und deshalb auch unvermittelbar bleiben, haben die Charakteristik von etwas Eintreffendem. Dieses Eintreffende im „Zwei“ der Begegnung nennen wir das „Dritte“.

Ich und Du, zitiert Knill den Mediziner Peter Petersen, Patient und Therapeut, gehen ohne Rückhalt und ebenso ohne Vorbehalte aufeinander zu. Sie lassen sich beide aufeinander zukommen. Diese zielfreie und nicht zweckverhaftete Haltung ist weder aktivisch und passivisch, sie ist „medial“ vermittelnd und durchlässig. Als Mediale halten sie inne und werden gewahr, wie sich (aus der Freiheit) zwischen ihnen ein Neues , das Dritte, einstellt. Innewerden und absichtsfreies Waltenlassen läßt das Neue kommen. Das Neue kann niemals als Ziel angestrebt werden. Es ist ein gnädiges Geschenk der freien Begegnung. [4]

Die zielfreie, zweckfreie, zwischen Aktivität und Passivität gleichsam innehaltende Haltung, die Petersen hier als dialogische Voraussetzung für das Entstehen von Neuem, dem eigentlichen Heilmittel, benennt, beschreibt aber nicht nur Komponenten eines therapeutischen Prozesses, sie lässt sich auch ganz allgemein für die Konditionen schöpferischer Produktion geltend machen:Das Unvermittelbare, Unplanbare und Unabsehbare künstlerischer Produktionsschritte lässt sich nur im Modus eines Ankommenden begreifen, über das wir weder Gewissheit noch Informationen haben, geschweige denn Gewalt. Auf dieses Ankommende aber richtet sich die Hoffnung derer, die sich auf künstlerische Prozesse einlassen und zwar völlig gleichgültig, ob sie nur laut denken, eine Inszenierung machen, einen Tisch decken, tanzen oder eine Oper schreiben.

Künstlerische wie therapeutische, pädagogische wie forschende Arbeit vollziehen sich kaum in einem Raum, den die Machbarkeit regiert, sondern im Raum der Hoffnung auf ein Gelingen, das ich letztlich nur sehr partiell beeinflussen kann.

Eigenartig sind Ausdrücke der Hoffnung, die sich auf bereits Geschehenes beziehen. Als könnten wir, unserer Hoffnung Ausdruck gebend, verhindern oder ermöglichen, was doch längst geschehen ist:

- Hoffentlich ist nichts passiert!

- Hoffentlich hast Du Dich gut erholt

- Hoffentlich hattet ihr einen schönen Urlaub

Die einzige Zukunft, auf die sich dergleichen Hoffnungen beziehen könnten, liegtin unserem Bewusstsein, in dem Gewissheit an die Stelle der bisherigen Vermutungen treten kann.

Eigenartig ist auch der Umstand, dass Hoffnung in den Plural gesetzt, ihren positiven Charakter verliert. Mach Dir keine Hoffnungen, sagen wir und meinen, mach Dir keine falschen Hoffnungen. Wo wir auf einen positiven Verlauf der Zukunft setzen, sprechen wir dagegen von der Hoffnung im Singular. Es besteht Hoffnung, sagen wir, und sprechen damit eine positive Aussicht an.

Der kaum mehr gebräuchliche Ausdruck Guter Hoffnung sein bezeichnet einen Zustand, der sich als produktive Unproduktivität umschreiben ließe. Anders als die Produktivkraft des Fortschritts, mit der Ernst Bloch am Ende seines 1600 seitigen Lebenswerkes „Das Prinzip Hoffnung“ identifiziert, wenn er mit kaum verhohlener marxistischer Akzentuierung den arbeitenden, schaffenden, die Gegebenheiten umbildenden und überholenden Menschen“ in den Mittelpunkt rückt, bezeichnenSchwangerschaft und Geburt ein Geschehen, das wie kaum ein anderes im Zeichen der Hoffnung sich vollzieht. Gerade an dieser Stelle aber wird auch deutlich, wie in den heute geführten Diskussionen die Aspekte der Machbarkeit des Lebens und der Gesundheit, die schöpferische Dimension der Hoffnung zunehmend in den Hintergrund drängen.

Hoffnung ist eine Haltung im Ungewissen. Hoffnung fliegt jenen zu, die ein Risiko eingehen. Hoffnung trägt. Hoffnung kommt wieder. Hoffnung erholt sich, wo sie zugrunde ging.


DIE BÜCHSE DER PANDORA

Weil Prometheus den Menschen das Feuer gebracht hatte, das sie frei und unabhängig von Göttern machte und fortan Fortschritt und Innovation ermöglichte, wurde er wie wir wissen vom Göttervater gnadenlos bestraft. Angeschmiedet an den Kaukasos hackte ihm täglich ein Adler die Leber aus dem Leib, die bis zum nächsten Tag wieder nachwuchs. Bestraft aber wurde nicht nur der Dieb des göttlichen Feuers, sondern ebenso dessen Empfänger, die Menschen.

Das wurde von Zeus auf folgende Weise auf den Weg gebracht: Er gab zunächst Schmied Hephaistos den Auftrag, für den in der Liebe glücklosen Bruder des Prometheus, der Epimetheus, der Rückwärtsgewandte, hieß,eine Ehefrau zu erschaffen. Als die Frau erschaffen war gab Zeus Pandora eine Büchse, die sie den Menschen schenken sollte mit dem Gebot, dass diese die Büchse niemals öffnen sollten. Die Büchse enthielt alle Laster und Scheußlichkeiten, die sich nur denken lassen. Natürlich öffneten die Menschen, manche sagen, es sei Epimetheus selbst gewesen, die Geschenkbüchse und die ganze Plage entwich und breitete sich folgenreich unter den Menschen aus.Von diesem Zeitpunkt an eroberte das „Schlechte“ die Welt. Zuvor, so erzählt es der Mythos,waren die Menschen noch göttergleich unsterblich. Danach begannen sie zu leiden, mussten um ihr Leben mühsam kämpfen. Ihr Leben wurde zunehmend zur „Krankheit zum Tode“, wie das der dänische Philosoph Sören Kierkegaard später genannt hatte.Das einzig Positive, entweder hatte es am meisten Gewicht oder klebte papierdünn am Büchsenboden, verblieb in der Büchse. Denn nachdem alles Negative heraus war, klappte Pandora den Büchsendeckel zu, so dass die Hoffnung in der Büchse zurückblieb. Die Welt wurde danach derart trostlos, dass Pandora die Büchse schließlich noch einmal öffnete, um die Hoffnung in die Welt zu entlassen. Mit der Hoffnung verband sich die Aussicht, dass die Übel, die der Menschenbefreier Prometheus indirekt ins Leben gerufen hatte, beherrschbar oder vermeidbar würden. Ob diese Hoffnung heute noch gegeben ist, scheint für viele infrage zu stehen.

Das Wort hoffen ist ein schönes Beispiel dafür, wie unglaublich sinnlich, bildhaft und konkret auch noch die abstraktesten Begriffe in unseren Sprachen formuliert sind und wie sie dadurch nicht nur gedankliche Inhalte transportieren, sondern in spezifische Erfahrungs- und Erkenntnisräume führen. Hoffen, hope, hoppen, („hoppe, hoppe Reiter“) heißt ursprünglich nichts anderes als: vor lauter Erwartung in die Luft springen, hüpfen. Hüpfen wäre dann nicht nur eine unruhige Bewegungsweise, sondern eine Bewegungsform, in der sich gute Aussichten, also Zuversicht gewinnen lassen.

Der tschechische Autor und Politiker Václav Havel begründet die Hoffnung nicht in der Gewissheit ihrer Erfüllung, sondern in der Gewissheit, dass das, worauf Hoffnung sich richtet, einen Sinnhat.

Hoffnung ist nicht dasselbe wie die Freude darüber, dass sich die Dinge gut entwickeln.
Sie ist auch nicht die Bereitschaft, in Unternehmen zu investieren, deren Erfolg in naher Zukunft absehbar ist.

Hoffnung ist vielmehr die Fähigkeit, für das Gelingen einer Sache zu arbeiten.
Hoffnung ist auch nicht dasselbe wie Optimismus.
Sie ist nicht die Überzeugung, dass etwas klappen wird, sondern die Gewissheit, dass etwas seinen guten Sinn hat - egal, wie es am Ende ausgehen wird.

Diese Hoffnung alleine ist es, die uns die Kraft gibt zu leben und immer wieder neues zu wagen, selbst unter Bedingungen, die uns vollkommen hoffnungslos erscheinen.
Das Leben ist viel zu kostbar, als dass wir es entwerten dürften, indem wir es leer und hohl, ohne Sinn, ohne Liebe und letztlich ohne Hoffnung verstreichen lassen.[5]



[1]DIE ZEIT, 17.02.2011

[2]Ortrun Schulz, Die Kritik der Hoffnung bei Spinoza und Schopenhauer, Frankfurt 2002, Peter Lang Vlg.

[3]Publiziert in der Maiausgabe des Magazins „Penthouse“ 1980

[4]zit. nach: Ansätze kunsttherapeutischer Forschung, hrsg. Von P.Petersen, Berlin 1990

[5]Václav Havel, Fernverhör. Ein Gespräch mit Karel Hvísd´ala,Hamburg 1990, rororo

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