Aktuelle Meldung
Ein Gelehrter
Rede von Peer de Smit zum Dank an Manfred Krüger für seine Lehrtätigkeit an der FH Ottersberg über 30 Jahre
Am 2.2.2010 wurde Manfred Krüger
feierlich von der Fachhochschule Ottersberg verabschiedet. Dabei hielt
der Rektor der Hochschule, Peer de Smit, die im Folgenden dokumentierte
Rede.
Manfred
Krüger wurde 1938 in Köslin (Pommern) geboren. Sein Weg führte ihn über
Ansbach, Heidelberg, Tübingen und Erlangen nach Nürnberg. 1965
promovierte er in Tübingen. Seit 1986 war er Professor für Philosophie
an der Fachhochschule Ottersberg. Seit 1969 ist er Mitarbeiter in der
Sektion für Schöne Wissenschaften am Goetheanum. Er publizierte zur
Philosophie, Anthroposophie, Literatur und Kunst.
Er
ist ein Mann der Bücher, ein Mann umgeben von Büchern, ein Gelehrter
wie er im Buche steht. Die Bücher sind ihm ein Tor zur Welt oder
vielleicht auch: sie bieten ihm einen spirituellen Zugang zur Welt
durch das Wort. Deshalb liest er Bücher. Deshalb schreibt er selber
welche.
Über das Buch habe ich Manfred Krüger vor mehr als
drei Jahrzehnten kennengelernt - über einen anderen Mann des Buchs, den
in Wien
geborenen und 1939 in die USA emigrierten Altertumswissenschaftler und
Germanisten Friedrich Hiebel. Hiebel lehrte an der Princeton
University; nach seiner Emeritierung war er im Vorstand der
anthroposophischen
Gesellschaft und als Leiter der Sektion für schöne Wissenschaften
tätig. Er hat unter dem Titel
Botschaft von Hellas ein wunderbares Buch über
Mythos, Philosophie, Dichtung und Politik der Antike hinterlassen.
Friedrich Hiebel also hatte mir ein neu erschienenes Buch von Manfred Krüger
zur Rezension in die Hand gedrückt. Einen Band mit dichterischen
Texten. Er trug den Titel
Wortspuren.
Es war, soweit ich
mich erinnere, eine der ersten Bücherbesprechungen, die ich gemacht
habe. Ich war kein Schreiber. Aber die Rolle des Schriftstellers hat
mir gut gefallen, und um sie glaubwürdig zu spielen, musste ich hart
trainieren. Die Besprechung hat mich soviel Zeit und Mühe und Schweiß
gekostet wie in späteren Zeiten eine literaturwissenschaftliche
Abhandlung von 50 Seiten.
Ich werde
so habe ich Sie damals aus dem Band zitiert,
In der Verantwortung
Des Wortes
Ich selbst.
Dies
ist, so scheint mir, mit Blick auf Ihr Lebenswerk ein entscheidender
Leitgedanke geblieben, ein Leitwort Ihres Lebenswerkes bis auf den
heutigen Tag: Die Identitätssuche, die Identitätserfahrung, das Werden
von Identität in der Verantwortung des Wortes. Diese Verantwortung
schreibt sich vom schöpferischen Logos-Begriff des
Vorsokratikers Heraklit her. Sie schreibt sich weiter im
Logos als dem schöpferischen Ursprung aller Dinge, den der Evangelist
Johannes an den Anfang seines Evangeliums gesetzt hat. Diese
Verantwortung schreibt sich fort in jeder künstlerischen
Gestaltung, ganz gleich, ob sie mit Worten, Bildern, Tönen,
Installationen oder Performativem zu tun hat, bis in die alltägliche
Verwendung der Sprache im Hier und Jetzt hinein.
Wer
ich sagt,
tritt durch das Wort in eine Verantwortung zu ihm. Das gilt, zumal in
der deutschen Sprache, sogar für die sprachliche Formulierung selbst.
Diese Verantwortung ist Wort und Antwort in einem. Und das Wort und die
Antwort artikulieren sich nicht selten in einer Frage.
Bin ich das?
Bist Du das? Oder ist es nur eine unserer Masken?
Durch das Wort
stehe ich ein für mich selbst und für alles, wofür ich einstehen will.
Das Wort in der Verantwortung des
logos, wie es im Johannesprolog
auftritt, hat dialogischen Charakter, es hält auf etwas zu, auf
Herzland
vielleicht, so hat es der Dichter Paul Celan 2000 Jahre später
formuliert. Das Wort in der Verantwortung des
logos hat
Zeugnischarakter, es zeugt für eine unsichtbare und doch sich
mitteilende Instanz im Inneren des Menschen, für sein schöpferisches
Vermögen.
In solchen sprachphilosophischen, auch aus der
Anthroposophie heraus inspirierten Gedankengängen, haben sich unsere
Auffassungen von der Sprache, vom Schreiben, vom Menschen berührt.
Wort um Wort nannte ich eine meiner ersten Publikationen. Sie haben mit einer Rezension darauf geantwortet.
Über
Wortspuren kamen wir
Wort um Wort ins Gespräch, haben wir uns im Laufe
der Jahre immer wieder ausgetauscht, wenn auch seltener in den letzten
Jahren.
Manfred Krüger hat vor bald 30 Jahren zum ersten Mal an
der Fachhochschule gelehrt: Als einziger professorabler
Wissenschaftler im Lehrkörper, der allerdings nur mit einem Lehrauftrag
auf Honorarbasis beschäftigt werden konnte, hat er maßgeblich zur
staatlichen Anerkennung der Hochschule beigetragen.
Als die
Hochschule am 16. November 1984 ihre staatliche Anerkennung feierte,
hielt er den Festvortrag, in dem er unter dem Titel
Ästhetik der
Freiheit. Schillers Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen
an die konzeptionellen Leitlinien der Hochschule anschloss, die wir
Siegfried Pütz verdanken. Das Zusammendenken von ästhetischer
Produktion und Freiheit ist für mich ein Herzstück der Fachhochschule
geblieben - bis auf den heutigen Tag. Manfred Krüger hat für dieses
Herzstück über die Jahre hin Sorge getragen. Dafür zeugte auch sein
Vortrag zur Frage nach dem Ich und seinen Masken, den er gestern
gehalten hat.
Mit seinem Tätigwerden an der Fachhochschule
verknüpften sich – auch dies gehört zur gemeinsamen Geschichte der
Hochschule mit Manfred Krüger - Hoffnungen und Erwartungen, die sich
nicht erfüllt haben.
Trotz aller Bemühungen, Absichtserklärungen und
langwierigen Prozesse war es am Ende nicht möglich, eine Stelle
einzurichten und Manfred Krüger als hauptamtlich Lehrenden in die
Fachhochschule einzubinden. Die Philosophie, das bleibt im Rückblick
mit gebotener Nüchternheit festzustellen, war wohl im Mittelalter die
Königsdisziplin, zu der die freien Künste über sieben Stufen empor
führten. Ein Blick auf die curricularen Notwendigkeiten eines
Kunsttherapie-
oder Theaterpädagogik-Studiums belehrt uns aber darüber, dass das
philosophische Fach bei allem guten Willen nicht mit dem Deputat eines
hauptamtlich Lehrenden im Curriculum unterzubringen war und auch heute
nicht unterzubringen ist.
Manfred Krüger ist vor 72 Jahren in
der Stadt Köslin in Pommern, ehemals preußische Provinz, heute zu Polen
gehörig, auf die Welt gekommen. Ein berühmter Bürger der Stadt war der
Idyllendichter und preußische Offizier Ewald von Kleist. Zu seinen
nicht sehr zahlreichen Sehenswürdigkeiten zählt Köslin, das heute
Koszalin heißt, neben einem Denkmal für Friedrich Wilhelm I. auch
ein gotisches
Haus des Henkers, in dem bis ins 19. Jahrhundert hinein
der Scharfrichter wohnte. In das Haus ist vor zwei Jahren überraschend
ein Sprachstudio eingezogen; so ist aus dem Henkershaus ein Haus des
Wortes geworden.
Nach Vertreibung und Flucht aus der Heimat fand
die Familie Krüger im Fränkischen Ansbach ein neues Domizil. Dort hat
Manfred Krüger 1957 sein Abitur absolviert.
Studiert hat er
Germanistik, Romanistik und Philosophie in Heidelberg bei Hans Robert
Jauß und in Tübingen bei Julius Wilhelm und Otto Friedrich Bollnow.
Promoviert
hat er mit einer Arbeit über Gerard de Nerval; Kurt Wais, der berühmte
Romanist, war einer seiner Referenten. In dieser Dissertation über
Nerval, die er unter dem Titel „Darstellung und Deutung des Todes“
publizierte, setzt er sich mit dem Motiv der wiederholten Erdenleben
auseinander, das im Werk Nervals eine zentrale Rolle spielt, aber in
der Literaturwissenschaft bisher völlig unbeachtet geblieben war. Auf
die Idee der Reinkarnation war Manfred Krüger bereits Ende der 50er
Jahre bei Rudolf Steiner gestoßen, aber sie war ihm fremd geblieben.
Nun, bei Nerval, packt ihn der Gedanke wiederholter Erdenleben und lässt
ihn nicht mehr los.
In seinem Buch
Ichgeburt, Origines,
das gut vierzig
Jahre später erschien, geht er der Entstehung der christlichen Idee der
Wiederverkörperung nach und verfolgt sie durch die abendländische
Geistesgeschichte von Pythagoras bis Lessing. Er vertieft sich in die
Denkbewegungen zu diesem Thema in der Philosophie der Neuplatoniker, in
den Werken von Augustinus, Meister Eckehardt, Thomas von Aquin, René
Descartes bis zu Lessing wie wohl in dieser Systematik niemand vor ihm.
Im Kirchenvater Origines findet er einen Kronzeugen für einen
Reinkarnationsbegriff, der, abweichend von der platonischen
Seelenwanderungslehre oder asiatischen Vorstellungen, die geistige
Individualität des Menschen in den Mittelpunkt stellt.
Zusammen mit seiner Frau, mit der er Anfang der sechziger Jahre eine Familie gründet, hat er sieben Kinder großgezogen. 1966
bis 1973 war er als wissenschaftlicher Assistent von Gustav Siebenmann
an der Uni Erlangen tätig mit einem Lehrauftrag für französische
Literaturwissenschaft. Seit 1969 war er mit Vorträgen, Publikationen
und Tagungen kontinuierlich im Rahmen der
Sektion für Schöne
Wissenschaften am Goetheanum in Dornach tätig. Zusammen mit dem
Kunsthistoriker Michael Bockemühl, Karl Martin Dietz und Heinz
Zimmermann hat er die Sektion auch über mehrere Jahre hin geleitet.
Anfang der siebziger Jahre begann er in Nürnberg ein Seminar für Geisteswissenschaft zu leiten. Er
war langjährig im Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft
Deutschland tätig, hat mit Gerhard Kienle und Diether Lauenstein
zusammen die wissenschaftliche Buchreihe
Logoi gegründet, in der
unter anderem auch eine seiner großen Forschungsarbeiten
Wandlungen
des Tragischen. Drama und Initiation erschienen ist.
Darin
gelingt es ihm im Anschluss an Forschungsarbeiten von W. Schadewaldt,
W.F. Otto, P. Szondi und Rudolf Steiner überzeugend darzustellen, wie
die griechische Tragödie aus den dramatischen Initiationskulten der
eleusinischen Mysterien hervorgegangen ist. In der Einweihung findet
Krüger einen zentralen Begriff, mit dem sich die spirituelle Dimension
von dramatischen Werken quer durch die französische Literaturgeschichte
aufschließen lässt: von Racines
Phaedra bis zu
Der König stirbt von
Eugene Ioneso.
Über viele Jahre hin war Manfred Krüger
Redaktionsleiter und Mitarbeiter der maßgeblichen anthroposophischen
Zeitschriften. Am Institut für Waldorfpädagogik in Witten-Annen hat er
Philosophiegeschichte, Ästhetik, Anthropologie und
Literaturwissenschaft gelehrt.
1986 wurde er an der Fachhochschule
Ottersberg zum Professor für Philosophie ernannt und hat durch
Jahrzehnte die Prägung dieses Fachs an der Hochschule bestimmt. Diese
Prägung war von hohen Anforderungen an die Studierenden gekennzeichnet,
so dass, wer nicht von Haus aus mit philosophischer Gedankenbildung
vertraut war, sich anstrengen musste, wenn er Schritt halten wollte.
Nicht alle konnten oder wollten sich anstrengen. Die philosophisch
Interessierten dagegen konnten nicht genug kriegen.
Manfred
Krüger gehört zu den wenigen anthroposophischen Wissenschaftlern, die
auch in nicht anthroposophischen Fachkreisen Beachtung und Anerkennung
gefunden haben, weil er anthroposophische Positionen auch
wissenschaftstheoretisch gegenüber anderen Theorien gelten zu machen
versteht. Die Unbestechlichkeit seines Denkens und die ethische Haltung, die er daraus ableitete, haben mich stets beeindruckt.
Manfred Krüger ist ein kompromissloser Vertreter, ja Verfechter der Anthroposophie Rudolf Steiners.
Seine
Forschungsgebiete und Publikationsthemen sind breit gefächert: Sie
reichen von literaturwissenschaftlichen Arbeiten zur französischen
Literaturgeschichte, einer kongenialen Übersetzung des Rosenromans von
Guillaume de Lorris, die er auf Zugreisen zwischen Ottersberg und
Nürnberg gemacht hat, über erkenntnistheoretische Arbeiten, Bücher zur
Meditation, philosophische Anthropologie, Sprachwissenschaft bis zu
kunstphilosophischen Arbeiten - etwa zum Bildmotiv der Verklärung Christi
in der abendländischen Malerei und jüngst einer Publikation zu den
christlichen Implikatonen von Albrecht Dürers Lebenswerk.
Durch
die Jahre hindurch hat er immer wieder dichterische Texte publiziert,
poetische Verdichtungen philosophischer Gedankengänge wie in dem
eingangs zitierten Text.
Denkbilder – so hat er einen seinen
Gedichtbände genannt, scheint mir ein treffender Begriff zu sein für
die schöne Wissenschaft seiner Texte.
Schöne Wissenschaft ist ein
weiteres Lebensthema von ihm.
In einem Anfang diesen Jahres
publizierten kurzgefassten literarischen Selbstportrait schreibt
Manfred Krüger: „
Im Haus sind alle Wände voller Bücher. Das erspart den
Maler und neue Tapeten. Aber inspirierend wirkt vor allem die Kunst. Da
nun schon lange alle Wände mit Büchern vollgestellt sind, habe ich die
Bilder vor die Bücher gehängt. Auf diese Weise wird der Staub auf den
Büchern verdeckt. Wer Bücher schreibt, braucht Bücher; aber mehr noch
Kunst. Da hängen sie: Dürer, Collaert, Thoma, Guys, Mesdag, eine Ikone
der Verklärung Christi.“
Kann man einem, der seine Bücher mit
Bildern zuhängt, noch ein Buch schenken? Wer schon so viele Bücher hat
wie Sie, von dem braucht man wenigstens nicht die Antwort zu
befürchten: Buch? Hab' ich schon. Aber angesichts der vollgestellten
Bücherwände eines ganzen Hauses muss man vielleicht doch mit der
Antwort rechnen: Diese Erstausgabe habe ich leider schon. Deshalb haben
wir uns entschlossen, Ihnen zum Dank und zur Verabschiedung aus der
Lehre kein Buch zu schenken, sondern einen Wechsel auf ein Buch, der
Ihnen freie Wahl lässt, einen Blankoschein gewissermaßen, auf den Sie
eintragen können, was Sie wollen.
Auf die Idee mit dem Blankoschein
kam ich beim Studium Ihrer Personalakte. Dort fand ich neben viel
bedrucktem und beschriebenem Papier auch die Kopie eines
Blankolehrveranstaltungsscheins, den Sie mal für einen Studenten
ausgestellt haben. Der dazumal amtierende Prüfungsausschussvorsitzende
war gehalten, Sie anzuhalten, dergleichen künftig zu unterlassen, was
ebenfalls in die Akte eingegangen ist. Der Blankoschein aus der Hand
des Gelehrten und scharfsinnigen Denkers hat mich, obwohl das für einen
Hochschulrektor kaum zulässig ist - erheitert.
Mit Blick
auf die Fachhochschule, die solche
corpus delicti gewissenhaft
archiviert, hat er mich aber auch - ein wenig beschämt. Ich habe mir
erlaubt, die Dokumente aus der Akte zu entfernen und übergebe Sie Ihnen
heute zur freien Verwendung. Solche Vergehen müssen geahndet werden,
aber verdienen die Gnade der Verjährung. Man sollte sie nach
angemessener Frist der Auflösung im Feuer oder der Kunst zuführen.
Entschließen Sie sich für Letzteres, erhalten Sie hiermit schon mal
einen Rahmen dafür.
Und weil, wer Bücher schreibt, auch Kunst
braucht – und sei es auch nur, um die Bücher damit abzudecken - schenken
wir Ihnen heute auch Kunst, Kunst vom Künstlerkollegen Bernd Müller.
Wir
danken Ihnen für die Ströme der Philosophie und Ihres inspirierten
Denkens, die Sie im Laufe von drei Jahrzehnten durch dieses Haus
geleitet haben. Für Ihre vieljährige Mitarbeit im Vorstand der
Hochschule, wo Ihre Stimme stets Gewicht hatte und zur erfolgreichen
Entwicklung der Hochschule beitrug. Für manches anregende Gespräch.
Wir danken Ihnen für Ihre Treue und Ihr Vertrauen durch all die Jahre.
Und wir wünschen dem Gelehrten, der den Schreibtisch meidet, weil kein
Plätzchen mehr frei ist auf ihm und weil es auch viel angenehmer ist,
in entspannter Schräglage im Liegen zu schreiben, im Bett oder noch
lieber im Sommergarten umgeben von Rosen und unter freiem Himmel…wir
wünschen dem Gelehrten noch eine Reihe ertragreicher Forschungsreisen
in den kommenden Jahren, deren Routen wir in den Büchern, die, daran
haben wir keinerlei Zweifel, noch folgen werden, nachgehen werden.