Aktuelle Meldung
Die Lähmung überwinden
"So möchte ich sein" - ein Buch von Peter Sinapius über Krebs und Kunst
"Ich wollte einfach wieder leben - die Sonne genießen und malen. Die leuchtenden Farben des Sommers einfangen in kleineren Bildformaten."
Als die krebskranke Clara Meves (Pseudonym) diesen Satz sagt, hat sie nur noch kurze Zeit zu leben.
Dass sie diesen Satz sagen kann, dass sie am Ende eine Haltung zu der tödlichen Erkrankung gefunden hat, dass sie Krankheit, Schmerzen, Angst und Tod auf eine bewundernswerte Weise integrieren kann, hat auch mit Kunsttherapie zu tun. Denn sie war nach ihrer ersten Operation Jahre lang in kunsttherapeutischer Behandlung.
Viele Bilder entstanden in der Zeit, und der letzte Wunsch an ihren Kunsttherapeuten war, ihre Bilder und Gedanken öffentlich zu machen. Clara Meves wollte Mut machen, besonders krebskranken Frauen, weil es sich lohne "zu malen oder zu schreiben. Das zu tun heißt leben." Das Buch "So möchte ich sein", das Peter Sinapius im Herbst 2009 herausgegeben hat, ist insofern die Einlösung eines Versprechens. Doch es ist mehr als eine bloße Präsentation oder Dokumentation; es ist der Versuch, anhand der Bilder von Clara Meves die Wirkungen der Kunsttherapie wissenschaftlich zu beschreiben.
Die Hauptperson verstorben, 116 Bilder, einige Schriften, ein paar Hinweise von Nachbarn und Freunden und vom Kunsttherapeuten - das war schon eine Herausforderung für die Wissenschaftler des Instituts für Kunsttherapie und Forschung der FH Ottersberg. Dazu kam die Schwere des Themas, die Suggestivität der Bilder und Texte. Die Ottersberger Wissenschaftler waren nicht bereit, ihre eigene Betroffenheit und ihre vom Werk der Clara Meves mobilisierten Ängste abzuspalten und zu verstecken. Im Gegenteil: Sie schrieben Tagebücher und "Briefe" an Clara Meves.
Eine auf anrührende Weise persönliche Studie ist so entstanden, die zu einer auch für Nicht-Wissenschaftler lesbaren Skizze einer Persönlichkeitsentwicklung wurde. Man erfährt, wie durch künstlerisches Arbeiten die Besinnung auf die eigene Existenz, auf große und oft verdrängte Fragen unterstützt wird.
Dabei werden die Bilder auf dem Hintergrund der Kunstgeschichte interpretiert und dann bewertet. Andererseits wird gezeigt, wie sich hier die aktive "Bewältigung" der Krebskrankheit vollzieht. In den Bildern zeigen sich die vielfach beschriebenen "Phasen des Trauerns" (wie Schock, Wut, Depression, Reorganisation). Von Abwehr, Gewahrwerden und Hoffen, Ich-Auseinandersetzung und Aussöhnung sprechen die Autoren Kristina Menninghaus, Peter Petersen, Peter Sinapius und Wolfgang Voigt.
"Das Jahrzehnt zwischen Erstdiagnose und Tod war erfüllt von Ohnmacht und Angst, aber auch von Freude und Stolz," schreibt Wolfgang Voigt im Nachwort. "Clara Meves überwand die Lähmung." Voigt stellt fest, dass die Patientin es wagte, "sich auf die Suche nach ihrer Identität, nach ihren ureigensten Sehnsüchten zu begeben." Wenn seine Interpretation der Hinterlassenschaften richtig ist, stimmt vielleicht auch seine Mut machende Quintessenz: "Das Leben war ihr lieb und wurde ihr wertvoll." BuS
Peter Sinapius (Hg.), So möchte ich sein. Krankheitsbewältigung bei Krebs - Bilder aus der Kunsttherapie. Köln: Claus Richter Verlag. 136 S., viele Abb., 18,90 €